Warum klingt meine Stimme für mich anders als für alle anderen?!

 In Gehirn, Körperarbeit, Singen, Sonstiges, Sprache, Stimme allgemein

 

Warum klingt meine Stimme immer so komisch?!

Das ist wohl jedem schon mal passiert: Man bespricht seinen Anrufbeantworter und checkt die Nachricht – und gruselt sich vor dem blechernen, quäkigen Klang, der aus dem kleinen Lautsprecher kommt. „DAS ist meine Stimme?!“ denkt man entsetzt und macht schnell den AB wieder aus…

Aber selbst bei qualitativ hochwertigen Aufnahmen und Wiedergabegeräten ist dieser Effekt merkbar, und unsere eigene Stimme, die wir doch unser Leben lang schon benutzen, klingt fremd und ungewohnt. Und vor allem: In fast allen Fällen mögen wir sie nicht besonders. Eigentlich haben wir doch eine so warme, volle Stimme?

Warum sagen dann alle anderen, dass wir doch immer so klingen…?

Das liegt an einem akustischen Phänomen, das in unserem Schädel stattfindet, der so genannten Knochen-  und Gewebeleitung.

Wenn wir sprechen oder singen, wird unsere Stimme erstmal in Rachen und Mundhöhle, aber auch in den Hohlräumen und Knochenstrukturen des Schädels verstärkt. Luft, harte Materialien und Flüssigkeit schwingen mit den produzierten Schallwellen mit und verstärken sie. Das nennt man auch resonieren (lat. re-sonare = wiederklingen). Unser selbst verstärkter Stimmklang tritt aus unserem Mund in den Raum um uns herum und resoniert auch hier unterschiedlich: Weiche Materialien schlucken den Klang, harte lassen ihn zurückprallen und schicken ihn zu unserem Ohr zurück.

Diesen Klang hören auch alle anderen, die mit uns im Raum sind. Dazu gehören natürlich auch Mikrofone, die gerade eine Aufnahme machen.

An unserem eigenen Hörapparat landen aber jetzt gleichzeitig zwei verschiedene Klangquellen:

Erstens der Klang von außen, aus dem Raum, na klar.

Aber außerdem hören wir von innen die Reflektionen in unseren Schädelstrukturen. Und die hören wir ziemlich laut, denn sie sind schließlich direkt neben unseren Gehörknöchelchen!

Du kannst das mal testen, indem Du Dir die Ohren zuhältst und mal die Wochentage oder Ähnliches aufsagst. So isolierst Du die inneren Resonanzen von den äußeren und hörst Dich… dumpf, warm, ein bisschen wie durch Watte.
Und dann kannst Du mal den Klang von Deinem Mund direkt zum Ohr leiten (mit einer zum „Tunnel“ geformten Hand oder einer CD-Hülle) und so den Raumklang nochmal für Dein Ohr verstärken. Ganz rausfiltern kannst Du die inneren Resonanzen natürlich nicht. 😉 Dafür musst Du dann schon eine Aufnahme machen.
Jetzt kannst Du Dir wahrscheinlich schon eher vorstellen, wie sich Dein Hörempfinden zusammensetzt, oder?

Sei bei diesen Experimenten Forscher, nicht Kritiker: Versuche, zu analysieren und Unterschiede festzustellen, aber bewerte diese nicht als gut oder schlecht!

Deine Stimme ist nun einmal Deine Stimme, Du kannst weder Deine Anatomie noch die Physik der Wahrnehmung groß ändern. Aber: Du kannst lernen, wie Du das Beste daraus machst!

Das geht aber nur mit einem kühlen Kopf, der nicht von inneren Kritikerstimmen belagert wird. Und mit Neugierde!

Aber ich will meine Stimme mögen, wenn ich sie auf Aufnahmen höre!

Okay! Dann…

1. Gewöhne Dich dran. Mach so oft es geht Aufnahmen mit möglichst gutem Equipment. Die Wiedergabe ist mindestens genauso wichtig wie die Aufnahme! Handyaufnahmen (Sprachmemo, Diktiergerät) sind mit Kopfhörern gehört gar nicht sooo schlecht. Die Lautsprecher des Smartphones sind nicht so zu empfehlen – Frust vorprogrammiert.

2. Hör genau hin. Was gefällt dir GENAU nicht an Deiner Stimme? Ist es die Tonlage, das Sprechtempo, die Sprachmelodie, der Stimmklang? So spezifisch wie möglich sein! Und schon merkst Du wahrscheinlich: Es ist gar nicht ALLES schlimm an meiner Stimme.

3. Arbeite dran. Pick Dir die ein oder zwei wichtigsten Aspekte raus und überleg Dir, was Du verändern willst. Zum Beispiel: Dir gefällt das Sprechtempo nicht. Willst Du es langsamer oder schneller? Nimm Dich einfach nochmal auf und hör nach, ob es besser geworden ist. Noch nicht genug? Nochmal machen. Achte aber auch darauf, dass Du echt bleibst. Manche Menschen haben von Natur aus ein bestimmtes Tempo (oder Klangfarbe/Tonhöhe…), das zu ihnen passt. Große Veränderungen klingen dann oft aufgesetzt und unnatürlich. Auch hier gilt: Ausprobieren! Spiel doch einfach mal herum! Und die Betonung liegt auf Spielen – es macht Spaß, wenn man sich selbst und seine Komplexe dabei nicht ganz so ernst nimmt!

4. Hol´ Dir Feedback! Je nach Einsatzgebiet Deiner Stimme von einer Person, die mit der Sprechsituation etwas anfangen kann. Also: Wenn Du am Telefon verkaufst oder Kunden betreust, bitte einen Vertriebskollegen mal mit Dir ein Übungsgespräch zu führen und frage ihn um seine Meinung. Wenn Du Podcaster bist, frag Kollegen oder sogar Deine besten Zuhörer, wo Du Dich verbessern kannst. Und wenn Du eine Rede auf der Hochzeit Deiner besten Freundin halten sollst, probe vorher mal mit den Trauzeugen.

Verlasse Dich nicht darauf, ein Feedback von Deinen Kollegen zu bekommen, wenn Du nicht explizit fragst. Die meisten Menschen geben erst Feedback, wenn Du Ihnen die Erlaubnis erteilst oder eine Einladung zum Feedback geben aussprichst.

Viel Spaß beim Forschen wünschen wir Euch!

 

Welche Tipps und Tricks habt Ihr noch auf Lager?! Teilt sie doch mit uns!

 

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Showing 4 comments
  • Jessica Pawlitzki
    Antworten

    Liebe Ina, vielen Dank für diesen fantastischen Artikel. Ich habe ich gelernt, den Unterschied zwischen Außenschall und Innenschall mit den Händen zu simulieren. „Hände hinter die Ohren legen“, Elefantenohren imitieren sozusagen, ist der von dir erwähnte Tunnel, um den Außenschall oder Raumklang besser zu hören. „Hände vor die Ohren legen“ nimmt hingegen den Raum weg und man hört den Innenschall besser.
    Ist es ok für dich und das Stimmste-Team, wenn ich diesen Artikel mit meinen Schülern und Lesern teile?
    LG Jessica

    • Ina Hagenau
      Antworten

      Liebe Jessica,
      vielen Lieben Dank! Die Elefantenohren sind in der Tat auch super, genauere Brillanzen und Farbänderungen höre ich mit dem „Tunnel“ besser. Natürlich darfst Du den Artikel mit allen teilen, die das interessieren könnte – wir freuen uns!!! 🙂
      Liebe Grüße aus dem Rheinland,

      Ina

      PS: Kompliment zurück übrigens – wir teilen auch schonmal gern Deine Bloginhalte! 😉

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  • […] Love your voice Die eigene Stimme zu mögen kann ein großer Vorteil sein, wenn Du podcasten willst. Jedes Mal Deine Aufnahmen zu hören und zu denken: „Oh neeee, so klinge ich?“ oder „Iiiih, klingt das doof.“ ist wenig hilfreich und auf Dauer sehr frustrierend. Lerne also Deine Stimme zu lieben. Gewöhnung hilft: Höre Dir also immer wieder Aufnahmen Deiner Stimme an und zwar nicht mit Deinem Kritiker-Ohr, sondern mit Deinem Forscher-Ohr. Wie klingt die Stimme genau? Ist sie entspannt? Was hörst Du für Emotionen raus? Wie ist die Sprachmelodie? Senke ich die Stimme am Ende des Satzes ab? Dann kannst Du die gesammelten Informationen zusätzlich nutzen, um Deine Sprechweise zu optimieren und Deine Stimme angenehm klingen zu lassen. Wenn Du  mehr Tipps brauchst, um Deine Stimme lieben zu lernen, dann schau hier. […]

  • […] Weitere gute Ideen für mehr Selbstliebe findest du auf dem Stimmste-Blog. […]

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