Tragfähig und ausdrucksstark sprechen? Nutze die Vokale!

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Kennst Du das auch? Du bist in einem vollen Raum, siehst ein bekanntes Gesicht in einiger Entfernung und willst die Person ansprechen – aber natürlich nicht schreien. Oder Du versuchst Dich auf einer Party über den Hintergrundlärm zu unterhalten – doch Deine Stimme ist nicht laut genug und nach kurzer Zeit merkst Du, wie es im Hals kratzt…

Vielleicht weißt Du, dass die Verständlichkeit Deiner Worte sich erhöht, wenn Du die Konsonanten (m, n, s, t usw.) deutlich aussprichst. Das kannst Du zum Beispiel gut mit Zungenbrechern üben.
Aber oft unterschätzt ist die Wirkung von gut ausgeformten Vokalen, von einem wirklich offenen „a“, einem hellen „i“ und einem deutlichen Unterschied zwischen „u“ und „o“.
Mach doch mal den Test: Stell Dich vor den Spiegel und sprich ein paar Sätze, vielleicht erzählst Du Dir selbst einfach, was Du gefrühstückt hast. Beobachte, wie weit sich Dein Mund öffnet beim „a“ – mehr als ein, zwei Zentimeter? Das darf er ruhig, zwing ihn mal!

Und bei „u“/„o“? Spitzen sich Deine Lippen wirklich kreisförmig nach vorne? Oder sind sie eher schlapp und entspannt, die Öffnung zwischen ihnen schmal und flach statt rund?

 

Geben wir es zu: Wir sind faul geworden!

Diese kleinen Nachlässigkeiten sind leider sehr weit verbreitet und wir haben uns sehr an sie gewöhnt. Im Zwiegespräch stört es nicht sofort, und oft verlassen wir uns auf die Tontechnik (Mikrofon), wenn wir mal zu vielen Menschen sprechen müssen. Die Notwendigkeit, deutlicher zu sprechen, ist also scheinbar nicht gegeben.

Wenn wir es mal ausprobieren, denken wir sofort: „Oje, das ist ja total übertrieben, sieht sicher total bescheuert aus, fühlt sich zu anstrengend an“. Und dann machen wir es wieder wie vorher. Stimmt´s?

Das Problem dabei: Wenn es dann mal darauf ankommt, und wir wirklich verstanden werden wollen, können wir nicht aus unserer Gewohnheit, sie ist uns noch nicht einmal bewusst! Und mit kaum geöffnetem Mund und Vokalen, die sich alle gleich anhören, kann jemand, der sich in gewissem Abstand zu uns befindet, uns nicht hören und erst recht nicht verstehen.

 

Was tun? Gewöhn Dir ein Bewusstsein und mehr Sorgfalt für Deine Aussprache an!

Jetzt die zweite Herausforderung: Schnapp Dir Dein Handy und die Sprachmemo-App. Erzähl Deinen Text einmal ganz normal. Dann noch einmal –  und achte im Spiegel darauf, die Vokale gut unterscheidbar mit Lippen, Zunge, Kieferöffnung auszuformen. Und dann natürlich: Unterschied anhören! Was gefällt Dir besser an der ersten, was an der zweiten Aufnahme? Kannst Du einen Unterschied in der Lautstärke feststellen? 

Wie immer wichtig: Achte auf eine gute Wiedergabequalität, also mit Kopfhörern oder einem guten Speaker! 
Nimm Dich noch einmal auf: Diesmal einmal mit entspannten, sogar gelangweilten Gesichtszügen und einmal mit einem freundlichen Lächeln, das Deine Augen strahlen lässt.

Hörst Du den Unterschied auf der Aufnahme? Durch die unterschiedlichen Gesichtsausdrücke werden unterschiedliche Frequenzen in Deiner Stimme verstärkt oder eben nicht – so entstehen Brillanzen, die die Verständlichkeit ebenfalls erhöhen und die Ausdrucksfähigkeit erst möglich machen. Du kannst das selbe Experiment auch mit wütendem oder verzweifeltem Gesichtsausdruck ausprobieren: Ohne Mimik klingt unsere Stimme matt und monoton. Der Emotionsgehalt unserer Worte ist gleich null – und damit ist das, was wir sagen, uninteressant für unsere Zuhörer!!!

 

Verändere und nutze Deine Resonanzräume!

Die kleinen und großen Veränderungen in Gesicht, Mundraum und Rachen/Kehle sorgen für eine veränderte Form unserer Resonanzräume. So als könnten wir mit der Form einer Geige herumspielen, sie runder oder geradliniger machen, asymmetrischer, verwinkelter, so können wir tatsächlich unser eigenes Stimminstrument formen. Weil es zu einem großen Teil aus Muskeln und Schleimhaut besteht, ist eine so komplexe Klangvielfalt möglich wie bei keinem anderen Instrument – und das sogar beim Sprechen, nicht nur beim Singen!
Wenn wir den Klangvibrationen, die unsere Stimmbänder produzieren, Aufmerksamkeit und viel Raum schenken, unserer Stimme erlauben, alle Ecken unseres Resonanzkörpers vom Zwerchfell bis zur Schädeldecke zu nutzen, dann wird unser Stimmklang voll und facettenreich.

Du kannst die besten Voraussetzungen schaffen, indem Du möglichst entspannt und durchlässig in Kiefergelenk, Zunge, Hals, Nacken und Schultern bist.  

Und dann mach doch mal folgende Übung: Probiere einmal aus, wie sich die sensorische Wahrnehmung eines einfachen, entspannten Summens auf „mmm“ verändert, wenn Du Dich währenddessen nach vorne hängen lässt! Wohin bewegen sich die Vibrationen? Spürst Du Deine Stimme in Nasenhöhle, Stirn, Schädel, Zähnen, Lippen, Zunge, Rachen, Brust, Bauch? Wo stärker, wo weniger stark? Und ist es anders als vorher, wenn Du Dich langsam wieder aufrichtest?

Mach dieses Experiment ruhig ein paar Mal –  auch mit anderen Bewegungen (wie ist es, wenn Du liegst? Auf dem Bauch? Rücken?). Und dann öffne während der Übung das „mmm“ zu einem „mmmooo“, „mmmuuu“, „mmmaaa“. Wie verändern sich die Empfindungen in Deinen Resonanzräumen? Welche Vokale rufen welche Resonanzräume auf den Plan? Kannst Du alle diese wahrnehmbaren Räume weiterhin wahrnehmen, wenn Du einen Satz sagst, also einfach sprichst?
Es ist normal, wenn das Ergebnis weniger deutlich ist als bei „mmmooo“ – über einfach weiter!

Nach ein paar dieser Summübungen ist es noch einmal an der Zeit, Dich aufzunehmen – kannst Du Unterscheide feststellen? Wenn nicht, weite das Experiment doch mal aus und mache diese Übungen eine Woche lang ein, zweimal täglich. Vergleiche dann Deine allererste und letzte Aufnahme miteinander!

 

Wie kriege ich das jetzt im Alltag umgesetzt?!

Diese Versuche sind gute erste Schritte in der Wahrnehmung der Resonanzräume und können schon erste Verbesserungen der Tragfähigkeit und des Klangs mit sich bringen. Doch nur mit einem ständigen Bewusstsein dafür kannst Du auch in stressigen Situationen alle Ressourcen nutzen, die Dir anfangs vielleicht nur im Überaum zur Verfügung stehen.

Im Alltag hilft es, die Resonanzräume schon zu fühlen, schon BEVOR du sprichst. Das lässt sich bei ruhigen Gesprächen, die inhaltlich und emotional nicht aufgeladen sind, gut üben.

Und wenn Du weitere Hilfestellung brauchst, lohnt sich ein Besuch beim Stimmtrainer. Der kann mit Dir oft in der ersten Stunde schon Unterschiede schaffen, die Dir das Üben zu Hause leicht machen!

 

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