Stütze? Was ist das? Und brauch ich das überhaupt?

 In Atemtechnik, Atmung, Gesang, Methodik, Reden, Richtig Reden, Singen, Sonstiges, Stimme allgemein, Stimmhygiene, Stimmpflege

Wir klären mal den Begriff…

„Stütz doch mal ordentlich!“ „Boah, so hoch kann ich nicht, da hab ich nicht genug Stütze!“

Wenn man Sängern unter sich zuhört, wenn sie über „Stütze“ sprechen, dann scheint es ohne kaum zu gehen. Wenn Du aber gerade erst angefangen hast, Gesangsstunden zu nehmen oder vielleicht überhaupt nicht singst, klingt das vermutlich ziemlich kryptisch für Dich. Deswegen erklären wir heute mal: Was ist Stütze überhaupt? Wie geht das? Wofür brauche ich „Stütze“? Gilt das nur für´s Singen oder auch für´s Sprechen?
Wenn wir in der Stimmbildung von „Stütze“ sprechen, meinen wir immer „Atemstütze“. Der englische Begriff „breath support“ ist meiner Meinung nach etwas eindeutiger: „Atem-Unterstützung“ – bedeutet gezielte Kontrolle des Atemdrucks und der Menge des Luftdurchflusses durch die Kehle. Denn von diesen beiden Faktoren hängen Tondichte, Lautstärke und Schwingungsqualität ab.

Besonders erstrebenswert und wichtig für die gleichmäßige Schwingung der Stimmbänder (und deswegen wichtig für die gesunde, physiologisch korrekte Tonproduktion) ist ein gleichmäßiger Atemfluss. Dieser Begriff und auch seine mentale Bedeutung (fließen) steht allerdings etwas im Gegensatz zu Begriffen wie „Kontrolle“ oder „stützen“, die ja eigentlich eine eher statische, feste Aussage haben. Deswegen kommen viele Gesangspädagogen mittlerweile davon ab, den Begriff „Stütze“ oder „Kontrolle“ zu verwenden, um zu vermeiden, dass unerwünschte Spannungen (auch in Kehlkopf und Umgebung) oder „Festhalten“ des Atems passieren.

Sprache macht eben viel aus… 😉

Fast jeder von uns, ob er singt oder spricht, benutzt schon eine gewisse Stütze. Nur eben unbewusst und nicht kontrolliert oder mit einer bestimmten Intention. Wieder mal sind es die Gefühle, unsere inneren Zustände, die diese natürliche Stütze beeinflussen.

Würden wir gar nicht stützen, klängen wir immerzu wie völlig ausgelaugt und resigniert: Es würde uns jegliche Kraft fehlen.

 

Wie setze ich Stütze denn bewusst ein?

Wenn wir „Stütze“ (ich bleib jetzt mal bei dem Begriff) üben, sollten wir also immer erstmal mit Entspannung und freier, natürlicher Atmung beginnen. 

Aber wie weißt Du, ob Deine Atmung frei und entspannt ist? Du ahnst es: Du brauchst ein Bewusstsein dafür! Manche Menschen sind von diesem Bewusstsein und von einer selbstverständlich freien Atmung im Lauf ihres Lebens weit abgekommen – durch alle möglichen Einflüsse (das führt aber jetzt am Thema vorbei). Wenn Du Dir nicht sicher bist, ob Dein Atem frei und natürlich passiert, lies mal hier und hier und hier (Atmung 101), die Übungen helfen Dir dabei, die Atemräume optimal vorzubereiten.
Wenn Du also mit einem Bewusstsein für Deinen Atem, und auch einem Bewusstsein dafür, ob Du gerade den Atem kontrollierst oder nicht, an die „Stütze“ herangehst, dann ist die Stütze nichts weiter, als dass Du unterschiedlich starke Level von Kontrolle über Deine verschiedenen Atemmuskeln ausübst. Das heißt: Du fügst dem entspannt fließenden Atemstrom mit den Bauch-, Taillen, Rücken – und Beckenbodenmuskeln Impulse hinzu („aktive Stütze“) oder verlangsamst durch das Weithalten der Zwischenrippenmuskulatur das Ausströmen der Luft bis zu einem Minimum („passive Stütze“).

Passive Stütze – Warum brauch ich die denn?

Wenn Du nicht „passiv stützt“, also deine Ausatmung nicht dosieren kannst, kannst Du beispielsweise keine sehr langen Töne singen und keine langen Phrasen (Sinnabschnitte oder Sätze) singen oder auch sprechen, ohne zwischendurch noch einmal zu atmen. Das Resultat ist im extremen Fall eine Schnappatmung, Du musst vielleicht Sätze oder sogar Wörter auseinanderreißen, um zu atmen. Musikalisch und dramaturgisch nicht ganz optimal. Außer du spielst einen hysterischen Karpfen natürlich. 😉

Außerdem brauchst Du die passive Stütze für das Singen von sehr leisen, aber „dichten“ Tönen – hier hilft sie, die Luftmenge genau zu dosieren, sodass die Stimmlippen schließen und kein Hauchen oder  die sogenannte „wilde Luft“ zu hören ist.

Wie kann ich passive Stütze lernen?!

Die beste Übung,  um passive Stütze zu üben, ist, möglichst lange auf einem scharfen „sssss“ oder „fffff“ auszuatmen (Stoppuhr benutzen) und jeden Tag ein paar Sekunden länger zu schaffen. Der Trick dabei: Erst unbedingt Deine individuelle Kontrollzeit ermitteln (wie lange kann ich die Luft anhalten – so lange kann ich theoretisch auch ausatmen), und dann: Zu Beginn nur wenig ausatmen, beim einatmen nicht zu viel Luft hereinlassen und vor allem nicht in den oberen Brustkorb, dort kannst Du nämlich nichts mehr kontrollieren. Klappt das gut und du kommst auf eine Zeitspanne von über 40 Sekunden? Dann mach die Übung auf ein stimmhaftes „vvvvv“ (wie „Vase“, ich finde es klingt wie ein Staubsauger auf Turbo) und wenn das gut geht, auf ein schön geschlossenes „uuuuu“ (mit Kussmund, bitte)!
Wenn Du öfter Probleme mit „wilder Luft“ hast, kann es außerdem helfen, die leisen Töne imaginär „nach innen“ zu singen, also Dir vorzustellen, Du saugst sie wie durch einen dünnen Strohhalm nach innen. Dieses Bild weitet ebenfalls die unteren, „weichen“ Rippen und hilft dabei, nicht zu viel Luft auf einmal herauszulassen.

 

Aktive Stütze

Die aktive Stütze ist das, was passiert, wenn Du zum Beispiel lachst, schluchzt oder laut rufst – wenn Du mal darauf achtest, merkst Du, dass sich dabei Dein Bauch ruckartig zusammenzieht und so stellenweise mehr Luft als bei der Ruheatmung ausstößt. Darum bekommst Du auch „Bauchweh vor Lachen“, wenn´s mal sehr lustig wird! Deine Bauchmuskeln (ziemlich viele, Singen ist ein gutes Training) ziehen sich dabei ruckartig zusammen, schieben die Bauchdecke nach innen, die Organe nach oben gegen das Zwerchfell, und das Zwerchfell schubst die Luft aus den Lungen. 

Du kannst diese Bewegung auch bewusst machen, denn die Bauchmuskeln können wir ganz gut motorisch kontrollieren.

Zur Übung der aktiven Stütze…

…mach mal ein kräftiges „T!“ und schieb dabei kurz und kräftig den Bauchnabel Richtung Wirbelsäule. Kontrolliere das ruhig mit einer Hand auf dem Bauch. Bitte achte darauf: bei dieser Ausatmung geht der Bauch nach INNEN. Sobald Du den Bauch wieder entspannst, fällt er nach AUSSEN und saugt dabei Luft in die Lungen (die Einatmung geschieht). Dabei brauchst Du nichts tun, einfach die Luft kommen lassen. Du brauchst auch danach nicht mehr weiter einatmen oder nachatmen – Dein Körper holt sich die Luft, die er braucht.
Diese Übung kannst Du auf die selben Konsonanten wie bei der passiven Stütze ausweiten (ff, ss, vv), aber erstmal mit kurzen, unmittelbaren Impulsen. Sobald Du die Stimme dazu nimmst, achte unbedingt auf eine offene, entspannte Kehle. Gehe nicht zu hoch in Deiner Bruststimme – wenn es  sich im Hals zu anstrengend anfühlt, lass locker, geh tiefer, konzentrier Dich auf den Atem. Die etwas höhere Lage lässt sich am besten mit Rufen wie „Hey!“ „Stop!“ finden. Im Idealfall übst Du hier mit einem Ausblick in die Ferne: Wenn Du für Deinen Ausruf einen konkreten visuellen Zielpunkt/„Ansprechpartner“ hast (und wenn es nur eine Straßenlaterne oder ein Baum ist), fällt es Dir viel, viel leichter, die nötige Entspannung UND Kraft zu finden. Intention/Motivation ist alles, wenn es um das Generieren von Energie geht!

 

Was ist also „Stütze“?

Stütze ist also im Großen und Ganzen Atemmanagement. Du übst, möglichst schnell und vorausschauend, gleichzeitig passend zu Deiner Klangvorstellung, deinen Atem zu verlangsamen und zu beschleunigen und mehr oder weniger Ausatemluft zu durch die Stimmritze zu lassen.

So kannst Du beim Singen spannende Dynamik (laut – leise) erschaffen und lange Töne und Phrasen singen. Töne mit mehr Energiebedarf (z.B. hohe und oder laute) werden erst durch gezielten Atemeinsatz möglich.

Beim Sprechen hilft Dir diese Fähigkeit zum Atemmanagement beim lauten Reden, beim Rufen, aber auch beim entspannten Vorlesen und Formulieren von Sinnabschnitten. Und eine Dynamik, also ein Wechsel von laut und leise, ist auch beim Sprechen spannend und bringt Deine Zuhörer dazu, Dir besser zuzuhören.
So. Genug Argumente, sich mal mit dem Atem und seiner Fähigkeit, die Stimme zu unterstützen, zu beschäftigen, oder? Jetzt ab in Dein Übezimmer! 🙂

 

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