Listen to your body – Stimmarbeit mit dem Körper

 In Entspannung, Körperarbeit, Körperhaltung, Reden, Richtig Reden, Singen, Sonstiges, Stimme allgemein, Stimmhygiene, Stimmpflege, Stimmwellness

 

Warum es wichtig ist, dass wir unseren Körper als Instrument verstehen, wenn wir singen oder sprechen

„My body and I are on the same team“ heißt ein Mantra aus meinem Online-Yogakurs. Und ich klaue das jetzt mal schamlos, denn ich finde, auch für Singen und Sprechen ist das eine guter Leitsatz. Den sollte man sich vor Augen führen, wenn es mit der Stimme mal wieder nicht so klappt wie es grad „muss“.

Dein Körper will dasselbe wie Du, wenn es um die Stimme geht: Eine mühelose Klangerzeugung, angenehme Vibrationen, die sich im Vokaltrakt durchsetzen, einen schönen Klang im Ohr, tiefe und entspannte Atmung… Aber wie in manchen Beziehungen unter uns Menschen sabotieren wir mit unseren Gedanken manchmal die Zusammenarbeit mit unserem Körper und verweigern uns beiden diese angenehmen Erfahrungen. Das liegt oft an unseren Erwartungen, an Gewohnheiten, an zu wenig Offenheit, Angst vor Neuem, vor Freiheit sogar – wie ein Vogel, der bei geöffneter Käfigtür trotzdem drinnen sitzen bleibt. Weil das eben die Umgebung ist, die er kennt. Wer weiß, was da draußen lauert…

 

Zuhören ist eine wichtige Fähigkeit in Beziehungen

Genauso wie wir in verfahrenen Diskussionen oft nur das hören, was wir erwarten zu hören oder hören wollen, ist das auch, wenn wir unserem Körper nicht mehr richtig zuhören. Und auf Neues achten. Jede Information, die unser Körper uns über seine Befindlichkeit gibt, ist eine wertvolle Information, wenn es um das Singen und Sprechen geht. Denn unser Körper ist schließlich unser Instrument! Und eine gute Beziehung mit Deinem Körper ist wichtig für eine gute Zusammenarbeit.

Wenn Deine Trompete komisch klingt und Du siehst, ah, da ist ne Beule drin, dann wunderst Du Dich auch nicht, oder? Und dann kümmerst Du Dich erstmal um die Beule. Bei unserer eigenen Stimme reagieren wir meist anders: Wir klingen nicht so wie wir möchten, doch anstatt nach „Beulen“ (Verspannungen, Unwohlsein, ungünstigen inneren Zuständen) zu suchen, doktern wir an unserem Stimmklang herum, forcieren vielleicht sogar einen lauten Klang. Ohne uns zu vergewissern, dass unser Körper auch wirklich mit an Bord ist!

Die Reaktion unseres Körpers, oft unseres Stimmapparats „alleine“: Verhärtung der Fronten, nämlich: „Du hast mich gar nicht gefragt“, Verspannung, Heiserkeit, vielleicht sogar Halsschmerzen, „enger“, resonanzarmer Stimmklang.

Taktisch unklug, könnte man sagen, oder? Sei doch lieber nett, verständnisvoll und aufbauend zu Deinem Körper. Ihr wollt ja schließlich dasselbe! Gegen die Zustände deines Körpers anzukämpfen oder sie zu ignorieren ist keine gute Teamarbeit!

 

Listen to your heart… äh… body!

Das heißt als erstes: Hör hin! Wie fühlt sich Dein Instrument an? Und damit ist Dein ganzer Körper gemeint, von den Zehenspitzen über den Verdauungstrakt über die Kehle bis zur Schädeldecke, von innen und außen. Diese Informationen ständig abzurufen und danach zu handeln, das nennt man Körperbewusstsein. Das Wahrnehmen der „Form, die Dein Körper in die Luft schneidet“ (Kristin Linklater), aber auch das Registrieren von Spannungen und Schwächegefühlen, sowie Schmerzen und Wohlgefühl im Körper, das ist eine Fähigkeit, die uns Menschen heutzutage oft fehlt oder die wir nicht regelmäßig benutzen und die deswegen verkümmert. Stattdessen verlassen wir uns sehr auf unsere Augen und beim Singen/Sprechen noch auf die Ohren.

Trainiere also in jedem ruhigen (oder auch stressigen) Moment diesen „Körpersinn“. Und dann handele danach. Hole Deinen Körper, Dein Instrument da ab, wo es gerade steht.

Das bedeutet zum Beispiel für Deine Warm-Up-Routine, dass sie nicht jeden Tag gleich ist, sondern Du sie auf Deine Bedürfnisse anpasst. Nicht gedankenlos fünf Atemzüge machst, sondern in Dich hineinhorchst, ob bis zur Entspannung noch zwei oder drei zusätzlich gut wären. Vielleicht sind ein paar mehr (oder weniger) Nacken/Schulterstretches nötig, um eine gute Voraussetzung für die ersten Klänge zu schaffen. Oder Du beginnst heute etwas tiefer mit den Einsingübungen. Oder gehst nicht ganz so hoch? Oder Du gönnst Deinem Kiefer eine zusätzliche Massage?

 

Was brauche ich? Was braucht mein Körper, meine Stimme?

Du findest es nur heraus, wenn Du zuhörst, in Dich hineinspürst und vorurteilsfrei und ohne zu bewerten die Zustände annimmst, die Du vorfindest. Und dann behutsam und ohne Erwartungsdruck, wie ein scheues Tier, das leicht zu erschrecken ist, Deine Stimme hervorlockst. Deinem Körper hilfst, seinen Zustand zu optimieren. Dafür braucht er Dich, das geht meist nicht von selbst!

Mit sanften Vibrationen, mit Aufmerksamkeit für Deine Resonanzräume und die Klänge, die sie im Stande sind zu kreieren. Mit Bewegung, die Verspannung verhindert, Dich entspannt oder energetisiert – je nachdem was Du gerade brauchst.

Den Zustand und die „Verfügbarkeit“ Deiner Stimmfunktionen und Resonanzräume erforschst Du am besten mit langen Tönen auf offene Vokale wie „o“ und „a“ oder wechselst zwischen ihnen. Dann brauchst Du nicht über Text oder Melodie nachdenken, sondern kannst Dich ganz auf Deine Wahrnehmung konzentrieren.

 

„Ich verwöhne meine Stimme nicht. Sie ist Teil meines Körpers. Wenn mein Körper ausgeruht und gesund ist, ist es auch meine Stimme.“
Neil Diamond

 

Los, beweg Dich!

Sobald Du an Text und Ausdruck arbeitest, ist es umso wichtiger, den Körper als Werkzeug und Verbündeten zu nutzen. Wiederum: Das gilt sowohl für das Sprechen als auch für das Singen! Ausdruck bedeutet nichts anderes als „emotionale Ladung“. Diese Emotionen manifestieren sich in unserem Körper, wenn wir sie wirklich fühlen. Ich spreche von den berühmten Schmetterlingen im Bauch, der zugeschnürten Kehle, den weichen Knien und so weiter. Darüber hinaus gibt uns unser Körper auch bestimmte Signale für die zugehörigen Bedürfnisse nach Bewegung, wenn wir darauf achten: Beispielsweise einen Bewegungsdrang, wenn wir aufgeregt sind, Hüpfen vor Freude, ein Sich-Hinlegen-Wollen bei Trauer oder Resignation, Drohgebärden, wenn wir wütend sind.

Diesen „E-Motionen“ einmal nachzugeben und den Körper wirklich das tun lassen, was er möchte, während wir einen Text üben, gibt unserem Ausdruck eine viel größere Tiefe und Intensität, auch wenn wir die Bewegung später beim Konzert oder der Präsentation nicht mehr ausführen. Die Energie, die wir eigentlich über die Bewegung kommunizieren, überträgt sich trotzdem auf die Stimme, und unsere Botschaft wird eindringlich und spannend.

 

Gestik unterstützt Deine Ausdruckskraft

Je schneller wir unseren Ausdruck verändern und so minimale emotionale Subtexte kommunizieren, desto lieber möchte man uns zuhören. Unterstreichen (und uns selbst einfacher machen) können wir diese schnellen Wechsel, indem wir wenigstens über unsere Hände den Körper die Bewegung zur Emotion ausführen lassen.

Lasse dazu Deine Ellbogen ein Stück weg vom Körper und die Arme und Hände entspannt und bewegungsbereit vor dem Bauchnabel (ungefähr). Lass Deine Gestik sich den Raum nehmen, die sie braucht – dann tut das auch Deine Stimme. Und Deine Botschaft erreicht auch noch die Zuhörer in der letzten Reihe!

 

 

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