Sprechtempo – Spreche ich wirklich zu schnell oder sind die anderen zu langsam?

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Jeder kennt die Menschen, die mit unglaublicher Ruhe wahnsinnig langsam sprechen, obwohl es die Situation vielleicht eigentlich gar nicht zulässt. Oder auch die Menschen, die ein so hohes Sprechtempo haben, dass es schwer fällt, zu folgen.

Zu welcher Gruppe gehörst Du? Gehörst Du zu den Schnellsprechern oder lässt Du Dir Zeit und sprichst langsam? Oder hast Du vielleicht ein mittelmäßiges Tempo? Und ist Dir die Geschwindigkeit, in der Du sprichst, überhaupt bewusst?

Was steckt hinter der Sprechgeschwindigkeit?

Schauen wir uns zunächst kurz an, was die Wissenschaft zum Sprechtempo zu sagen hat: Definiert wird die Sprechgeschwindigkeit durch die Anzahl gesprochener Wörter, Silben oder Laute pro Zeiteinheit, inklusive der Sprechpausen. Ungefähr 250 Silben pro Minuten werden als moderates Sprechtempo im Deutschen angesehen.

Zieht man die Sprechpausen ab, bleibt die sogenannte Artikulationsrate übrig, die durchschnittlich in der Spontansprache bei 342 Silben pro Minute liegt.

Insgesamt nimmt die Sprechgeschwindigkeit vom Kinder- zum Erwachsenenalter zu – abhängig von sprechmotorischen und linguistischen Fähigkeiten.

Die gewohnheitsgemäßen Sprechgeschwindigkeiten unterscheiden sich bei Erwachsenen deutlich. Das weißt Du sicherlich aus Erfahrung… Es gibt verschiedene Hypothesen zur Entstehung des individuellen Sprechtempos. Neurologische Veranlagung und der Einfluss neuromuskulärer Parameter beispielsweise. Oder auch physiologische Faktoren, wie die individuelle Fähigkeit zur Geschwindigkeit von Artikulationsabläufen oder die Übertragungszeit für motorische Impulse zur Artikulationsmuskulatur die Sprechgeschwindigkeit beeinflussen.

Dein Sprechtempo wird zusätzlich von vielen anderen Faktoren beeinflusst: Linguistische, phonetische und kognitive Anforderungen in unterschiedlichen Sprechsituationen zum Beispiel. Das heißt also die Komplexität und Länge der Satzstruktur/Phrase, die Anzahl betonter/unbetonter Silben, die Vertrautheit mit dem Text oder Thema, und ob ich gerne über das Thema spreche oder nicht.

Hinzu kommt der emotionale Zustand des Sprechers: Traurigkeit oder Langeweile gehen beispielsweise mit einer niedrigen Geschwindigkeit einher, wohingegen Wut und Aufregung das Sprechtempo ansteigen lassen. Außerdem hat Dein Selbstbild einen Einfluss auf das Sprechtempo. Du wählst, durch soziales Lernen, das Tempo aus, das Deine Persönlichkeit am besten repräsentiert. Hohe Geschwindigkeiten beim Sprechen sollen ein Indiz für Engagiertheit und Kompetenz sein, langsameres Sprechen für Professionalität. Sprichst Du im Dialog, dann passen wir unsere Sprechgeschwindigkeit an die sprachlichen Kapazitäten unseren Gesprächspartner an. Bei Nachfragen des Partners, um sicherzustellen alles richtig verstanden zu haben, wird das Sprechtempo reduziert.

Wer ermüdet zuerst…?

…Sprecher oder Zuhörer? Eine wichtige Frage, wenn es um Geschwindigkeit geht. Wie Du weißt, übertragen wir als Sprecher sämtliche biologische Muster auf unser Gegenüber. Ein zu hohes Tempo, welches häufig mit einer undeutlichen Aussprache und eine hohen Atmung einhergeht, ist anstrengend für den Zuhörer. Die flache Atmung überträgt sich und der Herzschlag geht schneller. Alles andere als entspannt. Über erfolgreiches Abspeichern und Verarbeiten von Informationen ganz zu schweigen.

Wie können wir Einfluss auf unser Sprechtempo nehmen?

#Bewusstsein und Aufmerksamkeit

Natürlich steht am Anfang aller Veränderung mal wieder das Bewusstsein. Wie schnell sprichst Du? Machst Du Pausen? Wird Deine Aussprache durch ein hohes Tempo negativ beeinflusst oder spricht Du trotzdem noch verständlich? Wie nehmen andere Menschen Dein Sprechtempo wahr? Hast Du schon mal Feedback dazu bekommen? Wieso willst Du an Deinem Tempo arbeiten? Passt die Geschwindigkeit zu Deiner Persönlichkeit? Ist das Sprechtempo in allen Sprechsituationen gleich schnell? Oder wo liegen Unterschiede?

Beobachte Dein Sprechtempo über einen bestimmen Zeitraum in unterschiedlichen Situationen mal genauer. Notiere Dir Auffälligkeiten und Erkenntnisse. Vielleicht gibt es Zusammenhänge mit Deinem Stresslevel oder mit Gesprächspartnern oder mit…?

Audioaufnahmen können Dir helfen, ein Bewusstsein zu entwickeln, wenn Du es zu Beginn noch schwierig findest, Dein eigenes Tempo einzuschätzen und wahrzunehmen. Probiere auch bewusst verschiedene Tempi aus. Mal sehr schnell, mal extrem langsam und Geschwindigkeitsstufen dazwischen. Mit welchem Tempo fühlst Du Dich wohl? Welches fällt Dir besonders schwer? Höre Dir mit einem neugierigen Ohr zu, nicht mit Deinem Kritiker-Ohr…

#Sprechpause und Betonungen

Pausen helfen Dir durchzuatmen und bieten Deinen Zuhörern Gelegenheit, den Inhalt abzuspeichern und zu verarbeiten. Wenn Du die Sprechpausen effizient nutzt, um Deine Atmung (wieder) zu vertiefen und achtsam auf Deine Haltung und Deine Bewegung zu achten, kannst Du aktiv Einfluss auf den nächsten Sprechpart nehmen.

Betonungen von wichtigen Wörtern können zusätzlich hilfreich sein, Dein Sprechtempo angemessen einzusetzen.

#Gestik und Körpersprache 

Über Deine Gestik und Körperbewegungen kannst Du Einfluss auf Deine Sprechgeschwindigkeit nehmen. Schnelle, hektische Bewegungen werden Dich eher dazu verleiten auch schnell und gehetzt zu sprechen. Wenig Bewegung oder verlangsamte Bewegungen werden einen beruhigenden, entspannten Einfluss auf Dein Sprechtempo haben. Aber Achtung: Zu wenig Bewegung oder angespannte Bewegungen sorgen auch gerne für eine monotone Sprachmelodie. Finde ein Mittelmaß, das zu Deiner Persönlichkeit, Deinem „Sprech-Ziel“ und Publikum passt. 

#Schattensprechen

Eine Partnerübung, die Deine Wahrnehmung für die Sprechgeschwindigkeit schult. Einer der beiden Übungsteilnehmern versucht mit dem Partner mitzusprechen. Dieser variiert das Sprechtempo beliebig. Analysiert im Nachgang, in welchen unterschiedlichen Geschwindigkeiten ihr gesprochen habt. Welches waren Eure „Wohlfühl-Tempi“, bei welchen Geschwindigkeiten konntet ihr gut folgen und ab wann nicht mehr usw… Wechselt die Rollen.

Probiere die verschiedenen Geschwindigkeiten und Hilfestellungen im Alltag aus. Bei alltäglichen Besorgungen, in Gesprächen mit Nachbarn und Freunden, bei nicht ganz so wichtigen Telefonaten. Beobachten und wahrnehmen ist einmal mehr der Schlüssel, um eine Veränderung einzuleiten. Auch beim Sprechtempo. Scheu Dich nicht zu experimentieren und um Feedback zu fragen.

 

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