Alle dürfen singen! Ein Plädoyer.

 In Gehirn, Gesang, Innere Haltung, Music, Selbstbewusstsein, Singen, Sonstiges, Stimme allgemein, Stimmwellness

Ich kann nicht singen. Wirklich nicht.

Es ist unglaublich, wie oft ich diesen Satz schon gehört habe. Und fast immer ist er eine Lüge.
Sehr viele von Euch werden das kennen: Beim gemeinsamen Singen in Grundschule oder Kindergarten klingt es beim ersten Versuch nicht so richtig „schön“, weil viele Kinder die Töne noch nicht so gut treffen. Nach einigen Wiederholungen wird der Gesang immer „sauberer“. ABER: Einige Kinder treffen immer noch nicht die Töne und „brummen“, weil ihnen die Tonlage zu hoch ist. Ob es Euch selbst schon passiert ist oder ihr es nur von anderen kennt: Die „Brummer“ werden letztendlich vom Lehrer/von der Lehrerin entlarvt und darum gebeten, nicht mehr mitzusingen, hinten zu stehen oder nur leise zu singen. Das „löst“ das Problem erstmal und der Unterricht kann weitergehen.

Was aber löst das in diesen Kindern aus?

Die überwiegenden Gefühle sind Scham, vielleicht Enttäuschung oder Traurigkeit, das Gefühl, nicht genug zu können, nicht gut genug zu sein. Und eine Gewissheit, die sich in den nächsten Jahren immer weiter verfestigen wird: „Ich kann nicht singen.“

Diese frühen Prägungen in der Kindheit machen meiner Meinung nach mindestens 90% der Probleme aus, mit denen Erwachsene und Jugendliche in den Gesangsunterricht kommen.

Die fehlende positive Verstärkung, keine Ermunterung zum (trotzdem) Singen, lauter Singen, höher Singen resultieren in einer Verkümmerung des Talents, das alle Drei- bis Sechsjährigen noch in sich tragen: Das unbekümmerte, wertungsfreie Benutzen der gesamten stimmlichen Bandbreite zum reinen Selbstzweck, zum Spaß und Genuss.

Dabei ist hier „Singen können“ auf einen einzigen Punkt reduziert: Im Klassenverband die richtigen Töne zu treffen! Hä?! Das kann doch nicht sein? Singen ist doch viel mehr! Und Töne treffen kann man fast immer lernen!

Allerdings ist Töne treffen in unserem Bildungssystem wichtig, denn: Es ist das einzige, was für GrundschullehrerInnen an einer Gesangsdarbietung wirklich messbar und vergleichbar ist. Also wird nur nach diesem Kriterium beurteilt. Und leider oft verurteilt. Zu lebenslangem Nicht-Singen-Dürfen. 🙁

Es gibt noch einen Satz, den ich oft höre und der mich noch wütender und trauriger macht:

„Also ich finde, wenn man nicht singen kann, dann sollte man es auch bitte lassen!“

WARUM?!

Es ist nachgewiesen, dass Singen, vor allem gemeinsames Singen, Glücks- und Bindungshormone produziert. Wer, und auf welcher Grundlage, hat bitteschön das Recht Menschen eine Tätigkeit zu verweigern, die sie glücklicher macht?! Wenn jemand stundenlang sehr laut alle Menschen in seinem Umfeld dazu zwingt, dabei zuzuhören, kann das in der Tat sozial unverträglich werden. Aber das wäre auch so, wenn der Mensch supergut singen könnte! Wer dazu das Bedürfnis hat, muss schon in den Wald gehen oder sich einen Proberaum mieten. Solange sich das Singen auf verträgliche Zeiten und Lautstärke beschränkt, gibt es keinen Grund, sich zu beschweren. Mitsingen wäre eine gute Idee.

Ein wichtiger Faktor, der in den letzten Jahren zu Freud und Leid der Gesangspädagogen beigetragen hat, sind Castingshows.

Auf den ersten Blick super, denn auf einmal möchten alle Singen lernen – gut für´s Geschäft. Aber es gibt mehr Nachteile als Vorteile für die Singkultur:

Auf einmal darf JEDER ungefragt Prozesse beurteilen, von denen er keine Ahnung hat und die bestenfalls mit Geschmacksfragen messbar sind. Menschen, die nicht hinter die Kulissen dieser Produktionen schauen können/dürfen, können keinerlei Maßstab ansetzen. Tun es aber doch. Und alle diese Laien, die Castingshows ansehen und danach mit anderen Laien darüber sprechen, verstärken in sich selbst und den anderen das Wissen: „Wenn ich singe, werde ich sofort bewertet.“ Und diese Wertung fällt streng aus, genau wie damals in der ersten Klasse. „Wenn ich nicht gut genug bin, darf ich das nicht mehr machen.“ Singen KANN also nicht mehr zum Selbstzweck passieren. Nur so aus Spaß. Gesangsunterricht KANN nicht mehr für die Freude am eigenen Fortschritt wahrgenommen werden, sondern sollte bitteschön auf irgendeiner Bühne enden und Bewunderung einbringen.

Daher halte ich es mit Yehudi Menuhin, der einmal gesagt hat:

„Jeder Mensch, der sprechen kann, kann singen, und jeder Mensch, der laufen kann, kann tanzen.“

Wenn wir samstags abends in die Disco gehen, ist es doch auch egal, ob wir einen Hiphop-Tanzkurs besucht haben, oder? Also ich sehe dort immer Leute, denen man Tanztalent nicht wirklich bescheinigen könnte, die aber so viel Spaß haben!
Und ist das nicht das Wichtigste?
Denn Tanzen und Singen sind ein erhöhter körperlicher Ausdruck unser Gefühle, so wie extreme Sprache oder Körpersprache. Dieser Ausdruck hilft uns, alles was wir vielleicht nicht mit Worten sagen können oder wollen, doch nach außen zu tragen und somit nicht „runterzuschlucken“. Aufstauen von – vor allem negativen – Gefühlen kann zu Depressionen und aggressivem Verhalten führen.

Aber wenn dieser sehr persönliche Gefühlsausdruck von anderen in seiner Form bewertet wird, erhält er einen anderen Zweck. Er muss dann eine soziale Funktion erfüllen, das Erlangen von Status und Anerkennung. Und alle, deren Können beim Singen nicht ausreicht, um bewundert zu werden, werden immer gehemmter im Ausdruck ihrer Gefühle und im Benutzen ihrer Singstimme.

Dabei ist eine freie, ungefilterte Singstimme immer schön, weil sie uns direkt berührt. Egal, ob alle Töne sauber sind oder man eine helle oder dunkle Stimmfarbe hat.

Das gilt sicher beim Tanzen auch: Die innere Aufrichtung und die Leichtigkeit der Bewegung machen jeden Tänzer schön und anmutig. Schrittfolgen oder Stilistik sind erstmal nebensächlich, wenn wir als nicht wertende Zuschauer den Ausdruck wahrnehmen und die Gefühle des Tänzers auf uns übergehen lassen. „Unter Beobachtung stehen“ macht uns verkrampft und verspannt. Und dann können wir nicht mehr tanzen.

Erwachsene SängerInnen, die erstmals mit den Altlasten, Komplexen und Verspannungen zu mir kommen, haben oft jahrelange Arbeit vor sich, diese abzubauen und wieder an ihre natürliche, entspannte, physiologisch sehr effiziente und ausdrucksvolle Stimme zu glauben, ihr zu vertrauen und sie wertungsfrei zu benutzen.

Denn das ist SO schwierig: Den inneren Kritiker auszustellen, wenn er einen schon über Jahrzehnte verlässlich runtermacht und einfach mal zu machen. Körper und Gefühle mal den Kopf überstimmen zu lassen und beide sich voll ausleben zu lassen – das tut so gut, wenn man einmal seine eigenen blöden Hemmschwellen aus dem Weg geräumt hat.

Habt Ihr Euch wiedererkannt?

Dann bitte tut mir und Euch einen Gefallen und versucht in der nächsten Zeit Eure Perspektive auf das Singen mal zu ändern. Nehmt Euch den Satz von Menuhin zum Leitsatz für alle kreativen Tätigkeiten, die Gefahr laufen, durch Bewertung von außen unfrei zu werden. Freut Euch, wenn Eure Kinder laut und „falsch“ piepsen oder grölen und ermutigt sie, alle stimmlichen Möglichkeiten auszuprobieren. Und macht mal selber einfach Quatsch mit Eurer Stimme. Spielt mehr. Spielen darf nie bewertet oder kommentiert werden, dann ist es kein Spielen mehr, sondern Performance oder Arbeit.

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