Raumakustik – Segen oder Fluch für Stimme, Sprachverständlichkeit und Leistungsfähigkeit

 In Kommunikation, Reden, Sonstiges, Stimmhygiene

„Obwohl ich am Ende des Tages sogar heiser bin, verstehen mich meine Schüler häufig einfach nicht. Dabei spreche ich doch schon so laut es geht…“ 

Wieso Raumakustik für Schüler und Lehrer entscheidend ist

Wenn wir über Stimme, Sprachwahrnehmung und Leistungsfähigkeit sprechen, wird der Raumakustik häufig wenig Beachtung geschenkt. Belastete Lehrerstimmen werden, wenn sich bereits eine Stimmstörung  entwickelt hat, logopädisch behandelt, und unkonzentrierte Schüler werden ermahnt oder zur Abklärung einer Aufmerksamkeitsschwäche zum Arzt geschickt. 

Dabei spielt der Raum als Übertragungsmittel der verbalen Botschaft zwischen Lehrer und Schüler eine entscheidende Rolle und wird in die Beurteilung häufig nicht mit eingeschlossen.

Die wichtigste Größe, die wir uns für die Qualität der Akustik in Räumen anschauen müssen, ist die Nachhallzeit. Sie gibt die Dauer an, in der das Schallereignis um 60dB abfällt. Vereinfacht gesagt, die Zeit, die vergeht, bis der Hall weitestgehend abgeklungen ist. 

Dauert die Nachhallzeit in einem Raum zu lange, werden beim Sprechen Silben verschluckt bzw. überlagert. Die Sprachverständlichkeit wird dadurch deutlich eingeschränkt und Informationen falsch oder überhaupt nicht verstanden. Hinzu kommt, dass Störgeräusche zu lange im Raum bleiben, wodurch der Lärmpegel insgesamt ansteigt. 

Leistungseinschränkung bei Schülern 

Untersuchungen zeigen, dass Kinder von Störgeräuschen und Verzerrungen der Sprache durch eine schlechten Akustik wesentlich stärker beeinträchtigt werden als Erwachsene. Wird die Nachhallzeit erhöht und steigt der Lärmpegel, zeigen sich signifikante Leistungsverschlechterungen. Das geschieht sowohl in der Informationsaufnahme (Sprachwahrnehmung und Aufmerksamkeit) als auch bei der Informationsverarbeitung (Gedächstnis- und Entscheidungsprozesse). Sprich, nicht nur Missverständnisse durch das Unverständnis der verbalen Botschaft und Einschränkungen der Konzentration beeinflussen die Leistungen negativ, sondern Studien zeigen auch eine Beeinträchtigung der Leistungsfähigkeit des Kurzzeitgedächtnisses durch unregelmäßige Geräusche (Hintergrundmusik, Sprache…). Das Kurzzeitgedächtnis brauchen die Schüler, um beispielsweise lange Sätze zu verarbeiten oder Rechenaufgaben zu lösen.
Kinder, die nicht in ihrer Muttersprache lernen, sondern in der Zweitsprache, werden durch Störgeräusche noch stärker in ihren Lernprozessen beeinträchtigt.
Neben Schülern dürfen auch Kindergartenkinder nicht unerwähnt bleiben. Die Kindergartenzeit ist eine entscheidende Phase in der Sprachentwicklung. Gerade in dieser Zeit ist richtiges Hören und Verstehen und das Fokussieren von Aufmerksamkeit wesentlich. 

Schlechte Raumakustik ist Gift für kranke oder belastete Stimmen

Für Lehrer bedeutet eine schlechte Raumakustik eine Erhöhung des Stressempfindens. Häufige Wiederholung der Informationen, also eine schlechte Übertragung der Botschaft ist ein zusätzlicher Belastungsfaktor für den Lehrenden.  Dazu kommt der steigende Lärmpegel, der durch den sogenannten Lombard-Effekt zustande kommt: Durch ein Zunehmen des Lärms sprechen Lehrperson und Schüler unbewusst lauter und geraten so in einen Teufelskreis.
Lärmbedingter Stress soll die Sensibilität für die Belange anderer reduzieren. Geduld und Empathie gehen vermutlich ebenfalls verloren…

Es ist davon auszugehen, dass für stimmgestörte Lehrerstimmen das Unterrichten in einer schlechten Raumakustik die Stimmqualität zusätzlich verschlechtert. Eine gute Raumakustik hingegen unterstützt die Stimmnutzung. Die Stimme kann prosodischer (rhythmischer/melodischer) und gesünder eingesetzt werden.  

Wer kümmert sich um die Umgestaltung von Klassenräumen?

Zunächst einmal können Lehrer und Schüler gemeinsam vermeidbare Störgeräusche aufspüren und aus der Welt schaffen. Filzkleber unter Stühle und Tische, dicke Vorhänge oder Pinnwände können erste Abhilfe schaffen und den Nachhall in geringem Maße verringern. Manchmal reicht es für die bessere Übertragung der Stimme/Sprache bereits aus. 

Größer Maßnahmen zu raumakustischen Sanierungen werden von Fachleuten durchgeführt. Zur Optimierung der akustischen Bedingungen werden beispielsweise schallabsorbierende Wand- und Deckenverkleidungen montiert. Es gibt Ingenieurbüros, die sich auf Raumakustik spezialisiert haben oder auch Abteilungen in Universitäten, die entsprechende Dienstleistungen und Beratungen anbieten. 

Zwar sind die meisten Studien in diesem Bereich mit Lehrkräften und an Schulen durchgeführt, eine Übertragung auf andere Berufe finde ich jedoch durchaus sinnvoll. Gerade in der „neuen Arbeitswelt“ mit Arbeitsplätzen in großen, offenen Räumen und wenigen Trennwänden, ist eine Optimierung der Akustik wichtig für die Gesundheit der Stimme und Psyche.

 

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