How to… improvisieren. Nicht nur beim Singen.

 In Gehirn, Gesang, Innere Haltung, Methodik, Music, Selbstbewusstsein, Singen, Sonstiges, Vortragen

Spielen statt arbeiten – so lernst Du zu improvisieren 

Wenn ich meinen GesangsschülerInnen ankündige, dass sie doch bei dieser oder jener Stelle ruhig mal improvisieren könnten, einfach machen was sie wollen, dann bekomme ich in 98% der Fälle folgende Reaktion: Der Kopf bewegt sich ruckartig nach hinten, die Augen weiten sich, der Atem wird scharf eingezogen, und nach eine kurzen Schockstarre wird der Kopf geschüttelt und verkündet: „Nä, das kann ich nicht!“
Ginge Dir das auch so? Stell Dir die Situation doch mal kurz vor. Na, bist Du froh, endlich mal lossingen zu können, all Deine Ideen heraussprudeln zu lassen?

Ja? Cool! Dann los!!!

Nein? Warum denn nicht?!

Wenn Du jetzt mit „ Ja“ geantwortet hast, gehörst Du zu den 2%, die gern improvisieren, die das Abenteuer suchen oder schon gelernt haben, mit dieser Angst vor dem Ungewissen umzugehen, schon Strategien entwickelt haben, die ein gewisses Maß an Sicherheit und Selbstvertrauen geben.

Wenn Du mit „Nein!“ geantwortet hast, gehen Dir vielleicht folgende Sätze durch den Kopf: „Oh Gott, da blamiere ich mich ja total!“ „Was ist wenn ich einen falschen Ton singe?“ „Ich fliege bestimmt raus!“ „Was soll denn (derjenige der zuhört) von mir denken, wenn ich das nicht kann?!“ „Sicher lachen mich alle aus!“ Zusätzlich durchläuft Dein Körper die oben beschriebene Angstreaktion, vielleicht zusätzlich noch mit Krampf im Magen, Schweißausbruch, Rotwerden. Alles andere als entspannt also.  So fühlt sich das an, außerhalb der Komfortzone… 😉


Aber jetzt mal ganz rational gedacht: Was KANN denn schon passieren, wenn wir improvisieren (beim Singen, NICHT bei der Herz-OP!)?

Genau.
NICHTS.
Niemand wird verletzt, man fliegt nicht hochkant irgendwo raus oder durch eine wichtige Prüfung, und beim ersten Mal probieren bist Du hoffentlich sowieso in einem geschützten Raum, also zuhause oder in der Gesangsstunde. Warum haben wir also solche Panik davor und weigern uns deswegen einfach, es auszuprobieren? Und ich sage absichtlich wir, denn mir ging es beim ersten Versuch vor ungefähr zwanzig  *hüstel*  Jahren nicht anders!
Seit diesem ersten Versuch, aber vor allem seitdem ich anderen Menschen den Spaß am Improvisieren, am Spielen mit den Möglichkeiten der Stimme und des Stücks vermittele, versuche ich den Gründen und möglichen Lösungen für diese irrationalen Ängste auf den Grund zu gehen.

Die Ergebnisse teile ich heute sehr gern mit Euch. Und die allermeisten sind vom Singen und Musizieren auf alle anderen Lebensbereiche übertragbar.

Warum haben wir Angst vor dem Improvisieren?

Weil wir davor Angst haben, Fehler zu machen. Warum haben wir Angst, Fehler zu machen? Weil wir irgendwann gelernt haben, dass es nicht gut ist, Fehler zu machen. Man wird dann nicht von Mama oder Papa oder Lehrer gelobt, sondern bestraft. Entweder durch Nichtbeachtung oder durch Schimpfen, Nachsitzen, mehr Hausaufgaben, etc. Das geht oft schon im Kindergartenalter los. Am gravierendsten ist es, wenn sich dieses Verhalten auf die kreativen Bereiche im Leben ausweitet. Das heißt, wenn das Kind hört „So malt man ein (beliebiges Objekt) aber nicht, das ist falsch.“ „So kann die Geschichte aber nicht ausgehen, denn X geht nicht/gibt es nicht“. „ Das steht da aber nicht, das hast Du dir nur ausgedacht.“  Denn was passiert dann? Das Kind traut sich nicht mehr, Risiken einzugehen, Dinge zu erschaffen, die Mama oder Papa nicht gefallen, also keine Belohnung bzw. eine Bestrafung nach sich ziehen. Es beschränkt sich dann auch in seiner Imagination, seiner Kreativität, seiner Fähigkeit, neue Lösungen  und neue Blickwinkel zu suchen und zu finden. Denn wer sagt denn, dass ein Haus nicht mehrere Dächer haben darf? Oder Schornsteine an der Wand?

Wenn Du mal nachdenkst, ist das ein Reaktionsmuster, dem wir in unserer Gesellschaft überall und immer wieder begegnen. Fehler oder Scheitern sind nicht erwünscht. Handeln außerhalb der Norm wird erstmal abgelehnt. Wir werden also in unserer Gesellschaft, in unserem Bildungs- und Erziehungsmodell darauf konditioniert, so wenige „Fehler“ wie möglich zu machen.

NA LOGISCH ist es dann schwer, wenn man das auf einmal zulassen soll!

Hinzu kommt, dass beim Musizieren „Improvisieren“ als besondere Fähigkeit gehandelt und oft, vor allem im Jazz, ausschließlich sehr verkopft gelehrt wird. Da muss der Schüler erstmal ganze Reihen von Tonleitern und Skalen und Musiktheorie können, ehe er durchblickt, was er wann zu singen hat, damit es auch „richtig“ ist.

Das ist aber eigentlich das obere Ende der Fahnenstange. Um überhaupt diese Skalen zu singen, muss man ein gut ausgebildetes Gehör und oft eine gut trainierte Singstimme haben. Aber man braucht weder das eine noch das andere zum ANFANGEN.

Du kannst sogar genau das mit Improvisation üben und schulen!

Wie kann ich es denn mal entspannt angehen?

Sieh die ganze Angelegenheit wie ein Spiel. Denke nicht an Leistung, Resultate, Prüfung, „ich muss jetzt abliefern“, sondern lieber an Tetris oder so. Oder sei entspannt wie bei Mensch-ärgere-Dich-nicht. Da fliegt man auch manchmal raus. 😉
Beginne mit Deinem Bauchgefühl, der Intuition. Level 1. Ganz langsam.

Mach es Dir leicht. Spiele EINEN Akkord auf einem Instrument oder in einer App (z.B. Garage Band oder Suggester), oder ein Instrumental von z.B. „Chain of Fools“ (Aretha Franklin, hat nur einen Akkord…). Und höre zu. Finde Dich zurecht, in dem was Du hörst. Und dann singe EINEN Ton, von dem du denkst, der könnte passen. Und jetzt bitte nicht denken: „Nee, der passt bestimmt nicht!“ Das gilt nicht. Erst das Experiment, dann die Versuchsauswertung! Kritiker rausschicken, Forscher reinholen und dann los. Welcher Ton passt, welcher nicht? Jedes Ergebnis ist wertvoll, denn nur so lernst Du!

„You can`t say „this won`t work“. „This didn`t work“ – okay. But don`t say it won`t.“  John Mayer

 

Und? Wahrscheinlich merkst Du, dass Du eine ganz gute Trefferquote hast, oder?

Na also, gar nicht so schwer. Du kannst es eigentlich schon! Dein Gehör kann nämlich mehr als Du denkst. Du hast in Deinem Leben schon so viel Musik gehört, dass Du diese „Sprache“ verstehst. Um sie aber sprechen zu lernen, gibt es nur eins: Sprechen. Singen also. Laut, bitte.

Und auch ruhig mal „Fehler“ machen! Um zu merken: Ah, so geht es nicht, das hat jetzt nicht geklappt. Erwarte nichts, lass Dich überraschen.

 

Level 2:
Erhöhe die Schwierigkeit mal ein bisschen und lass eine Karaokeversion von einem langsamen Stück laufen, das Du gut kennst. Finde wieder Töne, die passen. Jetzt musst Du wahrscheinlich ab und zu den Ton wechseln. Wenn er nicht mehr passt, weiche ein wenig nach unten oder oben aus. Spiele herum, mach mal schnellere Wechsel, singe mehrere Töne hintereinander. Du kannst auf Silben wie „na“ oder „du“ singen, oder Du suchst Dir einen beliebigen Satzfetzen heraus und recycelst ihn.

Achte darauf, dass das Stück nicht zu viele Akkordwechsel hat. Hier sind ein paar Beispiele für Songs mit zwei Akkorden:

Born in the USA (Springsteen)

Dreams (Fleetwood Mac)

I´d rather go blind (Etta James)

Oder drei?


Ring Of Fire (Johnny Cash)

Knocking on Heaven´s Door (Bob Dylan)

House Of The Rising Sun (Animals)

Sweet Home Alabama (Lynyrd Skynyrd)

Und so weiter, und so fort.

Wenn Du in einer bestimmten Stilrichtung unterwegs bist, such hier nach geeigneten Songs und höre auch einmal genau zu, was die Sängerinnen in diesem Genre so alles machen. Versuch sie zu imitieren. Aber ernsthaft! Fake it ´till you make it! Du wirst Dir ihre „Sprache“ so aneignen und Dich darauf trainieren, auf bestimmte Akkorde bestimmte Töne mit bestimmten Sounds zu singen.

„Celebrate progress, not perfection.“ Miley Cyrus

Was tust Du jetzt gerade, um Deiner Angst zu begegnen? Du bewegst Dich in kleinen, kontrollierten Schritten aus Deiner Komfortzone heraus. Du lernst, dass es Töne gibt, die nicht so gut passen und welche, die besser passen. Du lernst, dass Töne unter bestimmten Umständen gut klingen und unter anderen langweilig sind. Du schaffst Dir Rahmenbedingungen, in denen Du LERNEN kannst. In einer Situation, in der kleine Siege genauso wahrscheinlich sind wie kleine Niederlagen. Wo nicht das Endergebnis zählt, sondern der Prozess. Und Du wächst mit Deinen Herausforderungen. Wenn Du diese kleinen Schritte täglich tust, wirst Du in drei oder vier Wochen staunen, weit Du gekommen bist! Und das ohne Musiktheorie. Oder Tests. Nur mit Spielen!

Viel Spaß dabei!
Du möchtest noch wissen, wie Du diese Übungen noch auf den Rest Deines Lebens übertragen kannst?

Hier geht’s zu Teil 2!


 

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