How to… Improvisation ins echte Leben übersetzen!

 In Gehirn, Innere Haltung, Kommunikation, Methodik, Music, Reden, Rhetorik, Richtig Reden, Selbstbewusstsein, Singen, Soft Skills, Sonstiges, Sprache, Vortrag, Vortragen

 

Willkommen zurück im gefährlichen Dschungel der Improvisation, in dem gemeine, menschenfressende Tiere und Pflanzen an jeder Ecke auf Dich lauern können, um Dich bei lebendigem Leibe zu verspeisen, solltest Du (bloß nicht!) einen Fehler machen!

Kleiner Scherz. Wir haben ja im ersten Teil dieses Artikels schon geklärt, dass beim Improvisieren in der Musik normalerweise niemand stirbt, und dass wir ohne Angst weiter kommen als mit.

Im echten Leben (also zum Beispiel bei der Herz-OP) ist das Risiko, dass man mit Fehlentscheidungen sich selbst oder jemand anderem schadet, etwas größer. Ganz so sorglos wie mit Tönen solltest Du mit Menschenleben, Jobs oder großen Geldsummen vielleicht nicht umgehen (hätte ich das im ersten Teil schon erwähnen sollen…?).
Es gibt aber einige Fähigkeiten, die Du aus Deiner musikalischen Praxis mit ins echte Leben nehmen und auch hier nutzbringend einsetzen kannst:

1. Eine sinnvolle Fehlerkultur

Besonders wir in Deutschland hassen Fehler. Unsere eigenen und die von anderen. „Versagen“ ist das Schlimmste, was passieren kann. Dabei ist es in den allermeisten Fällen nicht weltbewegend (wörtlich zu nehmen). Sogar der soziale Statusabfall nach einem Fehler/Versagen ist nicht tödlich, liegt im Auge des Betrachters und ist anerzogen.
Wenn wir uns selbst verzeihen lernen, aus unseren Fehlern und unserem Scheitern lernen und dem Ganzen eine angemessene Bedeutung zuschreiben (das ist eine bewusste Entscheidung), dann erziehen wir uns selbst und unserem Umfeld eine bessere Fehlerkultur an. Denn es ist niemandem geholfen, wenn wir uns nach einem „falschen Ton“ zerfleischen, aufgrund der emotionalen Ladung dieser Situation es aber nicht schaffen, daraus zu lernen. Und als Konsequenz entweder nie wieder singen oder einen bombenfesten Glaubenssatz entwickeln, der da heißt „das mache ich immer falsch/das kann ich nicht“ und uns so nicht erlauben, uns weiterzuentwickeln.
Dinge auch mal nicht so gut zu machen ist nicht das Ende der Welt und macht Dich als Mensch nicht weniger wert. Und es ist sicherlich nicht schlimmer als es gar nicht erst zu versuchen…

2. Genug sein

Jedesmal, wenn wir unsere Erwartungen (Sind es unsere? Oder wessen in Wirklichkeit?) nicht erfüllen, sind wir von uns selbst enttäuscht und gehen davon aus, dass wir auch unser Umfeld enttäuscht haben. Wir haben ständig das Gefühl, „nicht genug“ zu sein. Nicht schnell genug, nicht produktiv genug, nicht gebildet genug, nicht schlagfertig genug, nicht …… genug (selbst ausfüllen, bitte).
Resultat: Wir fühlen uns sch… Wir setzen uns unter Druck, um es besser zu machen (klappt manchmal, zu welchem Preis?). Aber macht das uns und unser Umfeld wirklich zufriedener mit unserer Leistung?
Wenn wir improvisieren, lernen wir, den inneren Kritiker durch den Forscher zu ersetzen.
Der erlaubt uns, ohne Erwartungen an eine Handlung/Entscheidung heranzugehen und das Ergebnis zwar zu evaluieren, aber nicht sofort zu bewerten. Und dann in der Auswertung eben zu sehen: War das objektiv eine gute Entscheidung? Hätte mich eine andere Entscheidung weitergebracht?

„It´s not about how you fail, its about how you recover.“ Unbekannt

3. Flexibilität und Kreativität

Wenn Du in einem musikalischen Kontext (oder zum Beispiel auch in einer Gruppe für Improvisationstheater!) improvisierst, trainierst Du Dich darauf, Situationen schnell zu erfassen und zu analysieren, und dann nach passenden Lösungen zu suchen, die auch Dich persönlich weiterbringen. Du bist dann eher in der Lage, unkonventionelle, innovative Ansätze vorzuschlagen, weil Du Dein Sicherheitsbedürfnis herunterschrauben kannst. Du wirst kreativer (lat. creare – (er)schaffen) und kannst aus dem Nichts etwas Neues hervorbringen (eine Idee und ihre Umsetzung beispielsweise).

Das schnelle Denken und Reagieren, das Du beim Improvisieren übst, kommt Dir auch in Gesprächen zu Gute: Deine Schlagfertigkeit und Spontaneität erhöht sich!
Denn so gesehen ist jede Konversation eine Improvisation: Einer der Gesprächspartner sagt etwas, die anderen reagieren, eine Frage-Antwort-Struktur baut sich auf, oder eine These-Gegenthese-Struktur. Das ist übrigens auch in der Musik nicht der schlechteste Ansatz: Die musikalische Interaktion als ein Gespräch unter gleichgestellten Partnern zu betrachten und auf Grund der Information, die die anderen liefern, die nächste eigene musikalische Phrase zu bauen, kann Anhaltspunkt und Ideenlieferant sein.

4. Teamwork und Empathie

Das ist die perfekte Überleitung zum nächsten Punkt. Improvisation mit anderen lehrt uns, wie wir unser Team als gleichwertige Partner in der selben Sache sehen und respekt – und rücksichtsvoll miteinander umgehen. Wir lernen, uns ganz auf unsere „partners in crime“ , unser Team, die Gesprächsrunde zu konzentrieren und genau zuzuhören (Warum das wichtig ist, kannst Du hier nochmal nachlesen). Du lernst außerdem, besser mit anderen zusammen zu arbeiten: Ihr habt ein Ziel vor Augen, zu dem jeder etwas beiträgt, sich aber auch gegebenenfalls zurücknimmt, wenn die Ideen der anderen besser sind. Wir reduzieren unser Ego, wenn wir improvisieren, und das ist ein wichtiger Faktor, wenn wir gut im Team arbeiten wollen.

Das Zuhören beschränkt sich nicht nur auf das Verbale, sondern auch auf kleinere Hinweise (Körpersprache, Mimik etc.). Wir lernen, kleine Zeichen von Aktion oder Reaktion wahrzunehmen und zu antizipieren und nutzen diese Information auch intuitiv, wenn wir entscheiden, was genau wir sagen. Das nennt man Empathie – eine wichtige, manchmal in der Corporate World unterschätzte Fähigkeit, die übrigens auch erlernbar ist, sollte man das noch nicht so gut können…

5. Mut

Klar, übertreten von Hemmschwellen, überwinden von Sicherheitsbedürfnis und sich der eigenen Angst stellen: Das erfordert Mut!

Mut ist aber ein Muskel, den wir trainieren können. Und am besten trainieren wir den anfangs nicht in Situationen, in denen tatsächlich unser Leben gefährdet ist (Klippenspringen oder so), sondern in eigentlich „sicheren“, geschützen Räumen. Zum Beispiel beim Improvisationstheater, bei den Toastmasters oder eben bei der musikalischen Improvisation. Wir füttern so unseren Erfahrungsschatz mit vielen kleinen Situationen, in denen wir mutig waren. Das Ergebnis (siehe hier): Wir glauben daran, dass wir mutig sind! Und wenn die eine Situation kommt, in der wir wirklich mutig sein müssen (nicht leichtsinnig!), ist der Schritt nur noch klein. Oder fast schon selbstverständlich.

Darüber hinaus erkennen wir den Wert des Ja-Sagens. Ja zu Herausforderungen, ja zu neuen Erfahrungen, ja zu den eigenen Fähigkeiten. Diese „positive“ Einstellung ist für uns am Ende mit mehr Glücksgefühl verbunden als ständiges Neinsagen aus einem (überflüssigen, weil nur gewohnheitsmäßigen) Sicherheitsbedürfnis heraus.

Und ist es nicht das, was wir wollen? Glücklich sein…?!

 

„Be brave. Take risks. Nothing can substitute experience.“  Paulo Coelho

6. Präsent sein und Flow

Eine der größten Herausforderungen im heutigen Lebensalltag ist für die meisten Menschen die große Menge der Ablenkungen, die sich uns Tag für Tag, Minute für Minute über Whatsapp, Facebook und Co. präsentieren. Unsere Aufmerksamkeitsspanne hat sich in den letzten Jahren drastisch reduziert, vermuten Wisssenschaftler, und eine Studie mit 2600 Kindern bestätigt die Annahme, dass Fernsehen und Online-Medien die Fähigkeit, sich länger auf eine Sache zu konzentrieren, verkümmern lassen.

Wenn wir gemeinsam musizieren, und dann speziell beim Improvisieren, sind wir gezwungen, im Hier und Jetzt zu sein. Wir erhalten laufend neue Informationen von unseren Mitsängern/-spielern und von uns selbst, und bewegen uns in einem ständigen Wechsel von Fokuspunkten. Das ist der Grund, warum in einer solchen Situation oft der Zustand des sogenannten „Flow“ erreicht wird. Dieser schnelle Wechsel von Konzentrationspunkten ergibt einen insgesamt eher weichen, breiten Fokus. Wir geben uns der Aufgabe, die vor uns liegt, komplett hin. Die eigene Person und Befindlichkeit tritt in den Hintergrund, und die Wahrnehmung der Situation, des Stücks, der Arbeit, die man gerade tut, bekommt eine fast transzendente Qualität. Das liegt daran, dass wir in diesem Moment unbewusst entschieden haben, all unsere Aufmerksamkeit auf diese Aufgabe zu richten. Keine Ablenkung, noch nicht einmal grundlegende Bedürfnisse unseres Körpers wie Hunger oder Müdigkeit unterbrechen diesen Zustand. Vor allem das gemeinsame Verfolgen eines Ziels und das direkte Feedback (wie beim Improvisieren) stellen günstige Bedingungen für eine Flow-Erfahrung dar. Wir brauchen allerdings eingewisses Maß an Erfahrung und Können, um in den Flow zu kommen. Wichtig ist also mal wieder: Machen! Üben! Tun! Denn:

Flow-Erfahrungen haben eine Qualität, die wir als sehr lohnenswert und angenehm empfinden (obwohl wir doch „arbeiten“…). sie motivieren uns, diesen Zustand öfter anzustreben. Deswegen: Schaffe Dir selbst Situationen, in denen Du in den Flow kommst, in denen Dein Ego unwichtig wird, und nach denen Du glücklich und zufrieden mit Dir selbst, dem Ergebnis und dem Prozess bist!
Zu guter Letzt: Wir improvisieren alle jeden Tag, denn jeden Tag passieren unvorhergesehene Dinge, auf die wir selbstverständlich reagieren, wegen denen wir selbstverständlich kleine Entscheidungen treffen, ohne groß darüber nachzudenken. Das ist Improvisation. Wenn Du von diesen unvorhergesehenen Situationen gestresst wirst, vielleicht sogar aggressiv, warum nicht mal üben?
Mit Singen, Spielen, Improvisationstheater oder Speedpainting/Actionpainting.

Viel Spaß dabei!!! 🙂 

Hier geht’s zu Teil 1!

 

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