Body & Soul – 5 Übungen für einen guten Klang-Körper

 In Atemtechnik, Atmung, Entspannung, Körperarbeit, Körperhaltung, Körpersprache, Reden, Richtig Reden, Stimme allgemein, Stimmhygiene, Stimmpflege

Unser Körper ist ein Werkzeug zur Kommunikation, auf verschiedenen Ebenen. Wir erzeugen damit Stimme und Sprache, wir geben nonverbale Signale (bewusst und unbewusst) über Körpersprache, Mimik, Gestik und die Absonderung von Duftstoffen (Pheromonen). Jedesmal, wenn wir sprechen oder singen, benutzen wir unseren Körper als Instrument. Ohne unseren Körper (und zwar große Teile davon: Kehlkopf und Vokaltrakt mit den Artikulationswerkzeugen Kiefer, Zunge und Lippen, Lungen und Luftröhre, Zwerchfell und Bauchraum, obere Resonanzräume Nasen- und Stirnhöhle, Schädel) könnten wir keinen Laut von uns geben.

Und obwohl wir dieses Instrument benutzen, seit wir ein paar Sekunden alt sind, „beherrschen“ wir es nur zu einem kleinen Prozentsatz bewusst. Für viele der Sprecher und Sänger, mit denen wir arbeiten, ist es sehr ungewohnt und schwierig, ihren eigenen Körper in der Gesamtheit bewusst wahrzunehmen und dann gezielt eine gute Arbeitsumgebung für eine klangvolle, physiologisch korrekte Stimmgebung zu schaffen. Das liegt unter anderem an unserem heutigen Lebensstil mit viel sitzender Tätigkeit, einseitigen Sportarten und dem allgemeinen Fokus auf das Ergebnis statt auf den Prozess…

Fehlhaltungen, Verspannungen und andere ungünstige Gewohnheiten machen es dem Stimmapparat mit seinem komplexen, feinen Zusammenspiel von Nerven und Muskeln schwierig, frei zu agieren und das Maximum an Effizienz und Klangvolumen aus Kehlkopf und Resonanztrakt herauszuholen. Unzufrieden mit dem Resultat, setzen wir dann Kraft und Druck ein, um diese fehlende Effizienz zu kompensieren, was die Stimme dann wiederum noch mehr behindert und einen Teufelskreis des „zu viel Tuns“ in Gang setzt.

Besonders in Situationen, wo es „darauf ankommt“, also beispielsweise bei Präsentationen, Pitches oder Vorträgen werden wir uns bewusst, dass uns dieses Körpergefühl fehlt. Wenn nämlich die Stimme anfängt zu zittern oder zu kieksen, wir Schmetterlinge im Bauch haben (nicht die netten 😉 ) und unsere Atmung stockt oder wir außer Atem geraten… Dann gilt es, gute Ansatzpunkte zu haben, um die körperlichen Reaktionen auf den äußeren und inneren mentalen Druck frühzeitig zu erkennen und einzudämmen – und sowohl mental als auch körperlich entgegenzuwirken.

Arbeit am Körper ist also heutzutage viel Bewusstseinstraining, mehr Weglassen als Hinzufügen, mehr Entspannen als Anspannen. Damit Ihr direkt anfangen könnt, die Grundlagen für eine entspannte, klangvolle nächste Sprechsituation zu legen, haben wir für Euch 5 Übungen zusammengestellt, mit denen Ihr ein besseres Körperbewusstsein trainieren könnt.

1. Achtsamkeit üben

Die allermeisten Achtsamkeitsmeditationen benutzen den Körper und die Atmung, um die Aufmerksamkeit weg von den wild umher rasenden Gedanken („monkey mind“) auf rhythmische Vorgänge zu lenken. Da Meditation sowieso gut für Dein Gehirn ist, teste doch mal eine App wie Headspace oder 7Mind. Wenn Dir das zu viel Meditation ist, so kannst Du auch üben:

Sitze oder stehe gerade, aber entspannt.
Schließe die Augen und fokussiere Dich auf die Intensität des Kontakts deines Körpers und der Unterlage (Boden oder Stuhl).
Horche in den Raum hinein, nimm die Außenwelt über den Hörsinn wahr.
Spüre in Deinen Körper: Gibt es Empfindungen, die Deine Aufmerksamkeit sofort beanspruchen (z.B. Schmerzen, Hunger, starke Müdigkeit)? Registriere sie, aber reagiere nicht auf sie.
Stattdessen „scanne“ Deinen ganzen Körper ab: Wie fühlen sich Deine Füße, Beine, Becken, Bauch, Brust, Rücken, Arme, Hände, Hals/Nacken/Kehle, Kopf, Gesicht an? Findest Du spürbare Verspannungen? Dann gib die Erlaubnis zum Loslassen.
Richte dann Deine Aufmerksamkeit auf Deinen Atem. Wo bewegt er Deinen Körper? Wo spürst Du Bewegung in Folge von Atem?
Beobachte Deinen Atem und seine Beschaffenheit: Wie lang/kurz/tief/flach sind Deine Atemzüge? Beobachte nur, bewerte nicht.
Nach ca. 5-10 oder mehr Atemzügen richte Deine Aufmerksamkeit wieder auf die Kontaktpunkte mit der Unterlage.
Dann spüre nach außen: Wo berührt die Luft die Außenseite Deines Körpers? Welche Form schneidet Dein Körper in die Luft?
Öffne die Augen und nimm die Umgebung wieder über den Sehsinn wahr.

Diese „Inventur“ kannst Du so oft Du willst durchführen, auch kürzer und stichprobenartig. Erstelle eine imaginäre Datenbank: Wann, in/nach/vor welchen Situationen fühlt sich Dein Körper wie an? Wie verhält sich Dein Atem? Gibt es Muster? Kannst Du Schlüsse ziehen? Lerne Deinen Körper und Deinen Atem kennen, in dem Du sie beobachtest: Aufmerksam, neugierig, nicht wertend! 

 

2. Spannung vs. Entspannung

Spannungen verhindern Resonanz und einen freien Atem.
Die Spannungen, die wir über lange Jahre als Gewohnheit aufgebaut haben, vielleicht als Hilfe für eine gerade Haltung oder aufgrund von chronischem Stress, spüren wir jedoch gar nicht mehr bewusst! Und trotzdem stören sie das empfindliche Gleichgewicht der Stimmfunktion. Um den Unterschied von angespannten und entspannten Muskelpartien deutlich zu spüren, eignen sich Übungen aus der progressiven Muskelentspannung. Zum Beispiel:

Fäuste ballen und wieder loslassen.
Schultern hochziehen und wieder locker lassen.
Bauch feste anspannen und wieder locker lassen (am besten mit einer Ausatmung zum anspannen und einer passiven Einatmung  – nur beobachten! – beim loslassen).
Po und Beckenboden anspannen und mit der Einatmung loslassen.
Kinn und Kopf nach vorne schieben und wieder leicht nach oben hinten schweben lassen.
Zehen einrollen, anheben und dann breit wieder auf dem Boden ablegen.

3. Atemschwung

Stelle Dich leicht gegrätscht hin, geh ein bisschen in die Knie und schwinge locker die langen, lockeren Arme mit einer Rumpfdrehung nach rechts und links. Mache den ersten Schwung mit dem Ausatem und registriere, wie sich Deine Körpermitte „auswringt“ und den Atem quasi nach oben drückt.

Diese zwei Skihasen machen das gut vor: https://www.youtube.com/watch?v=c_7MumDtICY 

Achte gut auf den Schwung aus dem Knie und den Atem: Beim Drehen ausatmen, beim Öffnen wieder Atem hereinlassen.

 

4. Klang ist Vibration

Die Schallwellen, die wir mit unseren Stimmbändern produzieren, sind als Vibration deutlich spürbar, wenn Du mal einen tiefen Ton summst und Deine Fingerspitzen an den Kehlkopf legst. Je tiefer und lauter, desto besser kannst Du die Schwingung wahrnehmen. Tiefe und mittlere Töne kannst du gut auch im Brustkorb und bis ins Zwerchfell spüren, wenn Du darauf achtest. Sprich auch einfach mal „Aaaaaah“ in verschiedenen Tonhöhen und Lautstärken, um diese Vibrationen kennen zu lernen.

Die Verständlichkeit und Brillanz, und damit auch die Tragfähigkeit unserer Stimme, liegt aber in den höheren Frequenzen. Diese werden (leicht zu merken) in den höher gelegenen Resonanzräumen, also zum Beispiel den Nasenhöhlen, den Eustachischen Röhren, den Stirnhöhlen und Schädelknochen verstärkt.
Die Vibrationen werden hier viel feiner und schwächer wahrnehmbar, Du musst also ein bisschen aufmerksamer hinspüren. Wenn Du ein „mmm“ machst, kannst Du gut das Kitzeln fühlen, wenn du einen Finger an die Lippen legst.  Bei „nnn“ und „ng“ (wie in „lange“) kannst Du die Resonanz in die Nase locken und auch hier mit dem Finger von außen spüren. Noch wirksamer ist es aber, wenn Du Deine Wahrnehmung so trainierst, dass Du diese Resonanzräume von innen wahrnimmst: Dann bekommst Du jedesmal, wenn Du aufmerksam sprichst oder tönst (das ist zur Übung einfacher) eine sensorische/kinästhetische Information, wie resonanzreich und klangvoll Deine Stimme jetzt gerade ist. Dieses sensorische Feedback ist oft viel wertvoller und vertrauenswürdiger als der Höreindruck!

5. Und was macht die Körper-Sprache?

Wenn Du die ersten vier Übungen schon so oft gemacht hast, dass Du das Gefühl hast, Du kennst Deinen Körper als Instrument schon sehr gut – oder wenn Du noch zweifelst, warum diese Übungen überhaupt Sinn machen sollen – dann beantworte doch mal folgende Fragen für Dich:

In welchen Situationen bemerkst Du besonders, dass Dein Körper die Kommunikation sabotiert?
Bist Du Dir beispielsweise immer Deiner Haltung und Körpersprache bewusst?
In welchen Sprechsituationen kannst Du nicht mehr mit Atem und Resonanz spielen?

Wenn wir Körpersprache nämlich bewusst als rhetorisches Mittel einsetzen wollen, um eine bestimmte Wirkung zu erzielen, brauchen wir genau das: Bewusstsein für den momentanen Zustand. Und dann… Fortsetzung folgt im nächsten Artikel!

 

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