Bin ich zu alt zum Singen lernen?

 In Sonstiges

Wenn der Weg das Ziel ist, bist Du nie zu alt zum (Singen) lernen!

Mehr als vier Millionen Menschen in Deutschland singen laut Statistik des Deutschen Musikinformationszentrums (MIZ) in ihrer Freizeit in einem Chor oder einem Ensemble. Wahrscheinlich singen noch einige mehr für sich alleine und im Gesangsunterricht.

Klingt doch erstmal gut, oder? Wenn wir uns jetzt aber vor Augen führen, dass wir ja 82 Millionen Einwohner in Deutschland haben, sind das gerade mal 5 Prozent der Bevölkerung.

Und wenn wir uns dann eine andere Statistik ansehen, wird uns klar, warum das so ist:

Mehr als zwei Drittel der Männer und über die Hälfte der Frauen singt ÜBERHAUPT NICHT laut! Und zwar, weil ihnen irgendwann in ihrem Leben mal jemand gesagt hat, sie könnten nicht singen. Oder sie von sich selbst denken, sie könnten es nicht.

Erschütternd für uns. Denn das bestätigt die Erfahrung, die wir täglich in unserem Unterricht machen:

Erwachsene Menschen kommen zu uns und behaupten, sie könnten nicht singen. Geschichten von Familien und Freunden, die mit kritischen Urteilen über die Singstimme ihren Mitmenschen die Freude und Unbefangenheit am Singen nehmen, höre ich jede Woche. Die Denkweisen, die sich dadurch in den Köpfen dieser Menschen festsetzen („Meine Stimme ist nicht schön, ich kann halt nicht singen, ich bin total unmusikalisch, es klingt schrecklich, wenn ich versuche zu singen“) verhindern manchmal über Jahrzehnte, dass sie einfach das tun, was sie lieben – nämlich singen!

Dass Singen gesund ist und glücklich macht und jeder singen sollte, haben wir an anderer Stelle schon besprochen.

Es ist auch für die meisten Menschen logisch und selbstverständlich, dass junge Menschen in den Teens und Twens Gesangsunterricht nehmen können, wenn sie das Singen erlernen wollen. Oft ist dieser Wunsch von den sich hartnäckig in der Fernsehlandschaft haltenden Castingshows inspiriert. Ist aber auch nicht unser Thema heute.

Erstaunlich finde ich nämlich: Menschen, die älter sind als 40 Jahre und zu einer Schnupperstunde kommen, haben fast immer die gleiche erste Frage: „Kann ich das denn in meinem Alter überhaupt noch lernen? Macht das überhaupt Sinn, Unterricht zu nehmen?!“

 

JA!

Natürlich macht es Sinn! Natürlich kann man Singen auch noch mit 45, 55, 65, 75 anfangen zu lernen! Vielleicht landet man damit nicht mehr auf einer (professionellen) Bühne –  die Garantie gibt es allerdings auch nicht, wenn man mit 13 beginnt. Aber ist es jemals zu spät, sich um den eigenen Körper zu kümmern, sich gesünder zu ernähren, anzufangen zu wandern oder Muskeltraining zu betreiben? Eine neue Sprache zu lernen? Etwas Neues für sich zu entdecken und sich hinein zu vertiefen?

Was würde wohl ein Hundertjähriger zu einem 65-jährigen sagen, der behauptet, es lohne sich nicht mehr, etwas Neues anzufangen, einem lebenslangen Drängen nachzugeben?!

 

Lebenslang lernen – auch und sowieso mit der Stimme!

Was Du vielleicht nicht wusstest: Die Arbeit mit der Stimme ist sowieso ein lebenslanger Prozess. Auch wenn wir im Jugendalter mit Singen beginnen, werden wir im Laufe der Jahrzehnte Veränderungen an unserer Stimme wahrnehmen und auch anders mit ihr umgehen lernen müssen.

Sowohl bei Männern als auch bei Frauen bringt der Alterungsprozess einen grundsätzlichen körperlichen Verfall 😉 mit sich. Gewebe verlieren an Spannkraft und Flüssigkeit, Proteine in den Schleimhäuten  (Kollagen, Elastin) werden abgebaut und nicht mehr nachproduziert, Muskeln erschlaffen und vormals elastische Knorpel im Kehlkopf verknöchern langsam.
Besonders Frauen sind durch die Menopause fast einem zweiten Stimmbruch ausgesetzt: Nach den Wechseljahren kann die Stimme auf einmal brüchiger, weniger belastbar und mit weniger Tonumfang ausgestattet sein. Durch das Fehlen der weiblichen Hormone wachsen die Stimmbänder noch einmal und die Stimme wird insgesamt tiefer. Viele professionelle Sängerinnen leiten dann das Ende ihrer Karriere ein.
Untersuchungen zeigen aber: Sowohl mit gezieltem Training vor und in dieser Phase als auch mit Gesangsunterricht nach den Wechseljahren kann die Stimme erhalten, trainiert und verbessert werden.

Die meisten auf das Alter geschobenen Defizite in der Stimme (sowohl beim Singen als auch beim Sprechen) haben wenig bis gar nichts mit den Jahren zu tun, sondern vielmehr mit schlechten Gewohnheiten (mal wieder – seht ihr das Muster?) wie ungünstige Sprechweise (behaucht, zu hoch) oder falsche Gesangstechnik (zu viel Spannung, die die Muskeln jetzt deutlich ermüden lässt, angestrengtes, druckorientiertes Singen/„Pressen“).

 

Neue, gute Gewohnheiten – auch mit über 60?!

Und natürlich kann jede/r Sänger/in diese schlechten Gewohnheiten durch gute ersetzen. Je länger wir diese Gewohnheiten in unserem Leben „üben“, desto schwieriger ist es natürlich, sie wieder loszuwerden – deswegen kann es naturgemäß länger dauern, die Stimme an günstige Verhaltensweisen zu gewöhnen, wenn man mit 65 beginnt statt mit 25.

Sollte man es deswegen gar nicht erst versuchen? Die Frage kannst Du sicher selbst beantworten…

Denn auf der musikalischen Seite, der interpretatorischen, schauspielerischen Seite des Singens können wir nur sagen:
Die Lebenserfahrung, den Reichtum an Erlebnissen und Emotionen, das Wissen um den eigenen Körper und die eigene Psyche – das hat eine Fünfzigjährige einer Fünfzehnjährigen weit voraus. Ist die Stimme erst einmal befreit, kann dieses gelebte Leben dem Gesang eine Tiefe und Emotionalität geben, nach der die jungen SängerInnen oft noch suchen müssen.

Was sollten sich erwachsene Gesangsschüler zu Herzen nehmen?


Erlaube Dir, zu wachsen und zu lernen!

Es ist nie zu spät, mit etwas Neuem zu beginnen. Wir sind zu Beginn zum Scheitern und Fehler machen verurteilt, aber Übung macht den Meister. Fehler sind zum Lernen wichtig, und Lebenserfahrung ist nicht gleich Singerfahrung. Mach Dich bekannt mit Deinem Instrument – ohne Leistungsdruck und Vorurteile.


Pflege Dein Instrument (Deinen Körper)!

Sünden wie Alkoholexzesse, Rauchen, dauerhaft ungesunde Ernährung und Bewegungsmangel verzeiht die Stimme nicht mehr so wie mit 20.

Viel frisches Gemüse, ausreichend Wasser, frische Luft, Bewegung, ausreichend Schlaf und maßvoller Umgang mit Giften wie Alkohol und Nikotin (etc.) schaffen gute Voraussetzungen  für einen guten Stoffwechsel auch in den stimmrelevanten Geweben.
Versuche auch, chronische Verspannungen (v.a. im Nacken/Schulterbereich) zu mindern, Dein Stresslevel auf einem Minimum zu halten und mögliche andere Symptome (Sodbrennen/Reflux, Arthritis, Schilddrüsenprobleme etc.) auf Wechselwirkungen mit der Stimme zu überprüfen.

Trainiere!

Übe/Singe regelmäßig, am besten täglich, um die Abläufe zu wiederholen und sowohl das Gefühl für die Stimme/den angestrebten Klang als auch für die nötige Entspannung zu stärken. Übe achtsam und aufmerksam. Versuche, kleine Stimmübungen in den Alltag zu integrieren, so dass die Arbeit und der Umgang mit Deiner Stimme immer regelmäßiger und selbstverständlicher wird.
„Wer rastet, der rostet“ – das gilt auch für die Stimme. Es gibt keinen Grund, eine gesunde Stimme nicht auch zu benutzen!


Setze Dir Ziele!

Und zwar von der Sorte, bei der der innere Kritiker nichts mitzureden hat. Mach sie messbar, indem Du Dich aufnimmst, einen bestimmten Aspekt über die nächsten Wochen übst (z.B. Timing/Rhythmusgefühl, Lautstärke/Stimmklang, Verständlichkeit, Intonation…) und dann mit einer „Nachher-Aufnahme“ überprüfst. Das kannst Du auch mit Hilfe Deiner Gesangslehrerin machen und sie auch noch einmal um differenziertes Feedback bitten. Vielleicht ist auch Dein Ziel, mit mehr Elan und Einsatz im Chor/in einer Band/in der Badewanne singen zu können, also Dich in einer bestimmten Sing-Situation besser zu fühlen? Dann schreib kurz auf: Was ist die jetzige Situation? Was stört Dich? Was müsste sich ändern? Woran merke ich, dass ich mein Ziel erreicht habe?  Das ist wichtig, weil wir im schleichenden Prozess der Stimmentwicklung das Gefühl für das „Vorher“ verlieren. Lies jede Woche einmal diese Notiz durch. Nach einer festgelegten Zeitspanne überprüfe: Wie viele der Zielmerkmale sind eingetroffen? Woran musst/willst Du noch weiter arbeiten?

 

Ziel erreicht? Dann belohn Dich auch! Vielleicht mit Konzertkarten, einer CD oder einem neuen Notenheft?

Du siehst, egal wie alt Du bist: Fang endlich an, wenn Du es Dir schon so lange wünschst! Und freu Dich auf all die neuen Erfahrungen, die auf Dich warten!

 

 

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